… was anderes …

Im November letzten Jahres wählte die Redaktion des Oxford English Dictionarys post-truth (postfaktisch) zum internationalen Wort des Jahres. Früher sprach man auch von Volksverdummung, wenn politisches Handeln wahrheitsunabhängig allein darauf zielte, zu emotionalisieren und Vorurteile zu bestätigen. Heute ist gerade dies unter dem Begriff Postfaktische Politik auf allen Ebenen hoffähig und zu einem tragenden Konzept öffentlich geführten Debatten geworden. Es geht nicht mehr darum, Probleme oder Missstände zu identifizieren oder Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Politisches Handeln zielt heute darauf, mit 140 Zeichen Erklärungsmodelle zu liefern, die den Erwartungen der anvisierten Zielgruppe möglichst weit entgegenkommt. Wahrheit spielt keine Rolle, allein der Effekt zählt.
Man muss nicht nach Großbritannien oder Amerika, nicht einmal nach Berlin oder Schwerin blicken um Beispiele zu finden. Brexit, US-Wahlkampf, TTIP und CETA – bei den weltpolitischen Themen scheinen sich unsere lokalen Akteure einig zu sein, es wird gelogen, bis sich die Balken biegen. Blickt man aber zum Beispiel auf den schrecklichen Anschlag von Berlin, bei dem allzu schnell kolportiert wurde, der Attentäter sei Flüchtling und man müsse daher Gesetze weiter verschärfen, Überwachung ausbauen u.s.w.u.s.f. wird das Bild differenzierter. Wo waren denn die Wortführer und Schreier als klar war, dass der Attentäter eben kein Flüchtling war? Es ist nur beängstigend, wenn heute wie selbstverständlich darüber debattiert wird, Flüchtlingen Menschenrechte vorzuenthalten.
Am 22. Dezember konnte man in der Ostseezeitung unter der Überschrift Neues Hotel öffnet im März über das Apartmenthotel im ehemaligen Rosa-Luxemburg-Wäldchen lesen. Kein Wort von der inhaltsleeren Diffamierungskampagne gegen die damalige Bürgerinitiative. Aussagen wie Lügen, Krawallmacher, Halbwahrheiten (Zitat des Bauausschussvorsitzenden) oder auch die unsäglichen Falschdarstellungen eines Herrn Bockhahn im Zusammenhang mit der Bebauung des Rosa-Luxemburg-Wäldchens mögen belegen, dass post-truth in Graal-Müritz sehr frühzeitig erfolgreich praktiziert wurde.
Ob sich die Erwartungen, die mit dem Bau des Apartmenthotels verknüpft werden, erfüllen – man wird sehen. Jedenfalls ist vertraglich vereinbart, dass ein Hotelbetrieb über 10 Jahren aufrecht zu erhalten ist. Dass derartige Vereinbarungen aber allzu schnell nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben sind, lehrt in Graal-Müritz die jüngere Vergangenheit. Es bleibt nur zu hoffen, dass mit den anstehenden Bebauungen an der Seebrücke nicht noch einmal einseitig Investoreninteressen verfolgt werden (am Donnertag steht der Aufstellungsbeschluss zur Änderung des Bebauungsplans auf der Tagesordnung der Gemeindevertretung).

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