Wenn man Zug fährt, erfährt man einiges…

… ob freiwillig oder auch nicht… So konnte ich mich jüngst einer lautstart geführten Debatte nicht entziehen. Das Thema der Debatte Flüchtlinge in Graal-Müritz ist unbestritten hoch aktuell und wichtig. Leider werden derartige Debatten derzeit überwiegend fern jeder Realität geführt und zudem völlig überzogen emotionalisiert. So auch hier.
Ein eher jüngerer Erwachsenen, wusste zu berichten, dass in Schweden ein Flüchtling 22 Menschen erstochen hat. Neben allerlei anderen Fakten führte er auch aus, dass der Landkreis 1000 € pro Flüchtling und Monat an die Vermieter von Unterkünften zahlt. Ach ja, jeder der Debattenteilnehmer wusste (aus zweiter oder dritter Hand, dabei war allerdings niemand) von Übergriffen gegen Deutsche. Mit dem Erreichen Graal-Müritz‘ endete die Debatte – es wurde sich noch schnell darüber geeinigt, dass es nicht mehr lange dauere, bis angesichts der Flüchtlingsschwemme (ich verkneife mir den verwandten Begriff wiederzugeben) in Graal-Müritz auch in Graal-Müritz die Luft brenne. Es ist erschreckend und macht fassungslos, wie offen hier Ablehnung gegen Menschen zur Schau gestellt wurde, die völlig unbestreitbar zu einem ganz überwiegenden Teil auf Schutz und Hilfe angewiesen sind. Unweigerlich musste ich an einen Kommentar in einem sozialen Netzwerk denken: Wer sich im Geschichtsunterricht gefragt hat, wie man in den 1930ern in kurzer Zeit so viel Hass säen konnte, kann nun live zuschauen.
Vielleicht doch einmal eine Zahl. In Mecklenburg wurden im letzten Jahr nicht einmal 20.000 Asylanträge gestellt. Jeder mag sich selbst fragen, ob man angesichts dieser Zahl überhaupt von so etwas wie Flüchtlingsschwemme, drohender Überfremdung (was auch immer das sein soll), Überforderung oder was auch immer reden kann. Verfolgt man ein wenig die öffentliche Berichterstattung zum Thema, zeichnet sich allerdings ein ganz anderes Bild und man muss sich die Frage stellen, wo leben wir eigentlich? Keiner wird doch ernsthaft bestreiten, dass es kriminelle Flüchtlinge gibt. Nur ist deren Anteil nicht höher als bei jeder anderen gesellschaftlichen Gruppe. Medial werden Flüchtlinge trotzdem pauschal für Verfehlungen einzelner quasi in Sippenhaft genommen, Dinge wie Unschuldsvermutung u. ä. scheinen auch nicht zu gelten.
Richtig lächerlich ist aber das, was –quer durch alle Parteien – unsere Politiker zum Thema von sich geben. Da wird lautstark europäische Solidarität verlangt – man muss nicht allzu weit zurückdenken, noch 2013 wurde die Einführung eines europäischen Solidaritätsmechanismus durch Deutschland abgelehnt. Wortführer waren damals dieselben Vertreter der C-Parteien, die einen solchen jetzt fordern. Reine Symbolpolitik ist auch die zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs für sog. subsidiär Schutzberechtigte oder die Erklärung einiger Länder zu sog. sicheren Herkunftsstaaten. Jeder kann selbst nachgucken BAMF, über welche Völkermassen hier zu sprechen wäre – völlig zu vernachlässigen.
In Graal-Müritz angekommen hatte ich den eingangs erwähnten Debattenteilnehmern geraten, sich die Zahlen und Statistiken zum Thema Flüchtlinge anzugucken und nicht alles zu glauben, was Schreier oder Innenminister so von sich geben. Wenn es so etwas wie eine Reaktion gegeben hat, dann muss es wohl völliges Unverständnis gewesen sein …

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2 Antworten auf Wenn man Zug fährt, erfährt man einiges…

  1. H.Schmidt sagt:

    Da mag man nichts zu sagen. Jeder kennt Leute, die alles „wissen“ aber noch nie einen Flüchtling gesehen haben. Beschämend!

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